Wenn Menschen sagen, dass sie mehr Sex haben wollen, meinen sie meistens, dass sie besseren Sex wollen, und das bedeutet häufig, dass sie anderen Sex wollen. Aber wenn man weiß, was besserer oder anderer Sex ist, warum hat man ihn dann nach 20 oder mehr Jahren des sexuellen Erkundens noch immer nicht? Geht es etwa um perversen Sex? Nein – es handelt sich um ganz normalen Sex, der bisher einfach nicht gelebt wurde, weil ihn einer von beiden Partnern nicht möchte. Was jahrelang praktiziert und genossen wurde, hat sich einfach aus der gemeinsamen Schnittmenge der Vorstellungen ergeben.
Was ist jedoch, wenn das sexuell Altbewährte nicht mehr so
einfach oder gar nicht mehr funktioniert und Neues ausprobieren natürlich
Verunsicherung mit sich bringt? Ist es überhaupt möglich, darf überhaupt etwas
anderes verlangt werden, und wie wird der Partner wohl reagieren? Immer wieder
kommt die Idee auf, etwas zu sagen, das bisher nicht gesagt worden ist, aber
dann wird aus Rücksicht doch lieber geschwiegen: Sexualität als Kompromiss. Das
Resultat ist irgendwann erotisches Desinteresse.
Wie lässt sich die gemeinsame Schnittmenge vergrößern?
Paradoxerweise kann gemeinsame Entwicklung erst anfangen, wenn zur Routine
gewordene Kompromisse aufgekündigt werden: Manch einer hat vielleicht jahrelang
nur Dinge vorgespielt, von A wie „Analsex ist toll“ bis Z wie „zu dritt ist
schön“, obwohl die eigene Lust dazu eher nicht vorhanden war. Das Aus- und
Ansprechen von Unzufriedenheit und Widerwillen gegen solche Praktiken stellt
allerdings große Anforderungen an die seelische Reife jedes Einzelnen, ist aber
nötig, um neue Impulse zu setzen und unbekannte Wege einzuschlagen.
Checkliste
Anhang der folgenden Fragen können Sie überprüfen, wo sich
auf Ihrer persönlichen sexuellen Landkarte vielleicht noch weiße Flecken
befinden.
Kann ich …
… sexuelle Erregung so gestalten, dass sie lustvoll ist?
… sexuelle Fantasien entwickeln und ausbauen?
… sexuelle Wünsche und Bedürfnisse mitteilen?
… intensive emotionale und sexuelle Erregung miteinander verbinden?
… einen anderen Menschen sexuell begehren?
… Beziehungen gestalten und Bindungen eingehen?
Weiß ich, was für mich sexuell anziehend ist?
Fühle ich mich wohl in meinem eigenen Geschlecht?
Fühle ich mich sexuell kompetent und selbstsicher?
Liebe und Sex sind nicht selbstlos, und Verlangen ist purer
Egoismus. Dabei gibt es viele Abstufungen: Konzentriert sich jemand nur auf
sich selbst, das heißt, ist er egozentriert, so spürt und nimmt er
hauptsächlich sich selbst wahr. Sollten ihm die Befindlichkeiten seines
Partners doch auffallen, sind sie für ihn nicht maßgeblich. Viele Menschen
allerdings tun das Gegenteil und versuchen – heterozentriert -, nur dem Partner
und seinen Bedürfnissen zu genügen. Ein heterozentrierter Mensch ist kaum bei
den eigenen Empfindungen. Darunter leidet der Genuss. Dabei erklären viele,
dass gerade die Erregung des anderen so anregend für sie selbst sei – letztlich
also für beide. Wie könnte man auf wohlwollende und allgemein verträgliche Art
mit der Aufmerksamkeit gleichermaßen bei sich und beim Partner sein?
Autozentrierung heißt, was in der Sexualität große Bedeutung genießt. Jeder ist
bei sich und spürt den eigenen Körper und kann so gleichzeitig den des Partners
spüren. So jedenfalls ist es im Idealfall.
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